
Es
war ein runder, frischer Milchweck, gebuttert und mit der für damals gewagten Mischung
aus Salami und Käse belegt. Passend zur Natur quengelte ein riesiges Kopfsalatblatt unter
dem Deckel hervor.

Ich
war im siebten Himmel wie die Madonna inmitten der Rosen, die sich in der schattigen
Kapelle auszuruhen schien.

Salami,
Käse, Kopfsalat. Dazu den Pfeffer von Levkojen in der Nase, die Schärfe der
Kapuzinerkresse und zum Desert die honigdicke Süße von Rosen und Königskerzen. |
DAS SALAMIBRÖTCHEN
Auf Schulausflüge
freute ich mich immer so sehr, dass mir drei Tage vorher vor Aufregung schlecht wurde.
Dann, im Wald, beim Wandern und Rasten, schwebte ich im siebten Himmel. Nicht zuletzt
wegen der besonderen Salamibrötchen, die wir unerklärlicherweise nur für Schulausflüge
bekamen. Es war ein runder, frischer Milchweck, gebuttert und mit der für damals gewagten
Mischung aus Salami und Käse belegt. Passend zur Natur quengelte ein riesiges
Kopfsalatblatt unter dem Deckel hervor. Ich erinnere mich noch heute an die abschätzigen
Blicke zu Hause, mit denen diese "Verschwendung" von Zutaten begleitet wurde.
Meine Mutter, die die Brötchen schmierte, konnte meinem perversen Vergnügen nicht so
recht folgen, die Nase in die fleischigen Düfte der Salami zu tauchen, über die sich wie
eine milde Wolke der Käse legte - begleitet von leichtem Grasgeruch und
Backstubenerinnerung.
So ging es in einem
Jahr per Fahrrad ins Elsass. Erfolgreich war unsere Klasse durch eine süß duftende
Lindenallee die Straße hochgekeucht und hatte den versprochenen Rastplatz entdeckt. Halb
benommen von Lindenblütennektar und pinienartigem Asphaltgeruch fanden wir uns vor einer
winzigen Straßenkapelle wieder. Der Blick traf uns wie ein Keulenschlag. Auf der einen
Seite fiel das Land sanft ab zur Rheinebene, dahinter leuchteten die Dörfer im
Schwarzwald, der tannenfarben den Horizont begrenzte. Auf der anderen Seite wellten sich
die Felder, warfen sich zu heckenbestandenen Hügeln auf. Beschattet wurden sie von der
blauen Kette der Vogesen.
Ich packte mein
berühmtes Salami-Käse-Brötchen aus, der Duft von frischgebackenem Milchteig hing noch
ein Weilchen in der Alufolie und verwehte in der warmen Sommerluft. Der Brustkorb hatte
sich vom Pumpen etwas beruhigt, die Nase war überwältigt davon, auf einem Grat all die
Blumen rechts und links der Straße zu riechen. Ich war im siebten Himmel wie die Madonna
inmitten der Rosen, die sich in der schattigen Kapelle auszuruhen schien. Der Berganstieg
war geschafft, süßer Tee mit einem Hauch Zitrone weckte die Geister. Nie hat ein
Salamibrötchen so geschmeckt. Die Welt lag zu meinen Füßen - zwei Länder, zwei
Gebirge, ein grenzenloser Paradiesgarten voller Obstbäume.
"Hier leben zu
dürfen - was für ein Geschenk!" bestaunte ich das unerhörte Privileg der Menschen
in diesem Paradiesgarten. Zwanzig Jahre später, als es mich in ein mir bis dahin
unbekanntes elsässisches Dorf verschlagen hatte, staunte ich nicht schlecht. Mein Blick
aus dem Garten zum Horizont traf auf winzige runde Lindenkugeln im Dunst. Dazwischen
konnte ich auf der Straße am Grat eine kleine Kapelle ausmachen.
Vor ein paar Jahren
liebäugelte ich einmal damit, vielleicht nach Paris zu ziehen. Das machte mich rastlos
und ich fand mich im Dorfladen wieder, Salami und Emmentaler kaufend. Die Entscheidung war
einfach. Ich setzte mich mit einem elsässischen Sous-Brot in den Garten. Salami, Käse,
Kopfsalat. Dazu den Pfeffer von Levkojen in der Nase, die Schärfe der Kapuzinerkresse und
zum Desert die honigdicke Süße von Rosen und Königskerzen. Ich saß im Paradies. Ich
hatte es nur kurz vergessen.
© by Petra van
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