| Ausschnitt
aus Kap. 5: SCHWELGEN UND GIEREN, S. 142-144 Von einem, der sich ein solches Leben
leisten kann, sagt man, er sei "auf Rosen gebettet" - und diese Metapher für
ein Leben in Sorglosigkeit, Reichtum und Genuss darf man sich im Ursprung wortwörtlich
vorstellen. Wohl dem, der sich Luxus zum Eigengenuss leisten konnte. Wie aber mussten die
Götter erst einem Menschen wohlgesonnen sein, der obendrein Luxus an andere verschwenden
konnte! Die vergängliche Pracht abgeschnittener Rosen eignete sich für die Demonstration
solcher Größe ganz besonders. Rosen wusste zwar bald jeder Landbesitzer zu pflanzen und
auch zu vermehren. Aber die Edelblume als Schnittblume zu kaufen, die noch im Sterben mit
Schönheit, Farbe und Duft bestach, war nur den Vermögenden vergönnt. Überseeplantagen
für aufwändige Importe auszubeuten und im Winter Treibhäuser mit der sonnenhungrigen
Blume zu bestücken, das konnten sich nur die Reichsten der Reichen leisten.
Nein, hier ist nicht die
Rede vom Weltmarkt der Rosenplantagen, die europäische und amerikanische Firmen heute in
Lateinamerika und Afrika aufkaufen, um Riesenumsätze zu machen. Und es ist auch nicht die
eine Milliarde Euro gemeint, die die Deutschen im Krisenjahr 2004 allein für Schnittrosen
ausgegeben haben. Die Rose als protziges Statussymbol, den Jammer darüber, dass die Armen
hungern müssen, weil wertvolles Ackerland den Monokulturen von Blumen weichen muss, nur
damit die High Society in Duft schwelgen kann, das gab es bereits zur Römerzeit.
Der Dichter Horaz (65 v.
Chr. bis 8 n. Chr.), Zeitgenosse des Rosenliebhabers und Kaisers Augustus, wetterte in
seinen Oden gegen die äckerverzehrende Prunksucht, zu deren "Nasenreiz" er auch
die Rosen zählte:
"Bald lässt dem
Pflug unmäßiger Königsbau
Kaum wenig Morgen; [...]
Auch der Violen Flor
Und Myrtenhain' und jeglicher Nasenreiz
Verbreitet Wohlgeruch, wo vormals
Lohnte mit Frucht die Olivenpflanzung."
In der Tat schien ganz
Italien damals ein einziger Rosengarten gewesen zu sein, aber bereits vor der Kaiserzeit
konnte Rom die Nachfrage an Rosen aus dem eigenen Land nicht mehr befriedigen. Ägypten
lieferte von seinen Plantagen unzählige Schiffsladungen der beliebten Blume. Die
Verschwendung war zu rechtfertigen, denn die Rose war Göttinnen wie Göttern heilig und
wurde vom Volk in den rosaria oder rosalia verehrt, einem beweglichen
Fest zu Beginn der Blütezeit. An jenem Tag genossen auch einfache Bürger beduftete
Brunnen und Blumenschmuck in der Stadt.
Für den Rest des Jahres
glich die Metropole des Weltreichs Rom jedoch eher einem modernen Dritte-Welt-Moloch. Der
Unterschied zwischen den Armen und der winzigen Kaste der Reichen war extrem; das
Bedürfnis, sich durch Luxus gesellschaftlich zu definieren, immens. Während die
einfachen Leute hungerten, kostete in der Kaiserzeit der Import der sonnenverwöhnten
Pflanzen schon so viel, dass Martial im Jahre 103 n. Chr. zynisch schrieb, die Ägypter
sollten Korn schicken, Rom habe genug Rosen aus Ägypten, um sie damit zu bezahlen.
Mit Rosenblüten wurde nicht
nur dekoriert, sondern auch goutiert. Kaiser Augustus' berühmter Leibkoch Apicius
bereitete mit eingekochtem süßen Wein ein Püree aus zerriebenen Rosenblütenblättern
oder parfümierte in drei mal sieben Tagen Wein mit dem Modearoma. Sein Rosenomelett war
ein winziger, aber raffinierter Gaumenkitzler für zwischendurch, bevor Flamingos gereicht
wurden oder Edelfische, von denen einer fast so viel kostete, wie ein Centurio im Jahr
verdiente. Rosenpüree mit etwas Lake, geschlagenen Eiern und Wein ließ Apicius dafür
mit kleinen Hirnen stocken, die kurz vor dem Servieren reichlich mit dem Luxusartikel
Pfeffer bestreut wurden. Nein, man pfefferte nicht etwa unmäßig, weil es besonders gut
zur süßen Rose schmeckte, sondern nur, weil Pfeffer teuer war und mehr hermachte als
heimische Kräuter.
Die Verschwendungssucht nahm
solche Ausmaße an, dass unter den römischen Kaisern zusätzlich die syrische Provinz als
Außenplantage für eine Überflusselite herhalten musste, der die einmalblühende Rose im
Sommer längst nicht mehr genügte. Unter Augustus sorgten Treibhäuser aus Marienglas,
wie Badethermen beheizt, selbst im Winter für duftendes Vergnügen. Horaz richtete ein
ernstes Wort an seinen Diener, diesen Wahn nicht mitzumachen:
"Perseraufwand ist
mir verhasst, oh Knabe,
nicht gefällt umwunden mit Bast ein Kranz mir;
Spare die Nachforschung, ob wo verspätet
Weilet ein Röslein."
Er musste zum Glück nicht
mehr erleben, was über 50 Jahre nach seinem Tod der "Partykaiser" Roms trieb... |