
Ich werde immer
wieder gefragt, wie ein Roman entsteht, wie ein Autor seine Ideen zu
einer Geschichte wachsen lässt. Autoren selbst können stundenlang darüber debattieren,
welche Methode zum optimalen Ziel führen könnte... nur gibt es so viele Methoden wie
Autoren.
In diesem
Experiment möchte ich Sie Mäuschen spielen lassen bei meinen Vorarbeiten.
Aber ich sage vorweg: Auch ich habe keine alleinige Methode... jeder Roman entsteht
anders. Und was sich für mich gut anfühlt, kann einen Kollegen völlig konfus machen.
Die Einblicke ins Plotten, in die Entstehung eines Romans sind also nur Einblicke,
wie der "Lavendelblues" entstand. Allen Büchern gemeinsam ist, dass
ich ihnen ein dickes DIN-A-4-Heft mit Spezialschönschreibpapier schenke. Mir fällt auf,
dass ich nicht immer schön schreibe, sondern sogar verschiedene Schriften habe, je
nachdem, mit welcher Figur ich beschäftigt bin. Man kennt das von multiplen
Persönlichkeiten...
Bilder zur
Vergrößerung anklicken (Leider hat mir James Bond mit seiner Supertextkamera abgesagt -
ich bitte die Qualität zu entschuldigen. Wenn ich wieder einen funktionierenden Scanner
habe, werde ich die Bilder austauschen).
DIE
IDEE
Es ist nicht zu
beschreiben, wie ich auf die Ideen zu meinen Romanen komme. Ich interessiere mich für
das, was die Menschen am meisten umtreibt und gehe wie ein Schwamm durchs Leben. Sauge
Eindrücke auf, Berichte, Ängste, Wünsche. Irgendwann fügen sich Mosaiksteinchen
zusammen oder es fällt ein Maikäfer in meine Kaffeetasse... und die Idee zum Roman ist
geboren.
Diesmal kann ich
mich daran erinnern, dass mir die Krisenjammerei jenseits des Rheins gehörig auf die
Nerven fiel. Ich hatte den Eindruck, die Leute stünden sich mit ihrer kollektiv
verordneten Depression selbst im Wege. Es wurde körperlich spürbar. Sobald ich über die
Rheinbrücke in den Osten gefahren war und immer noch lächelte, stieß ich zunehmend auf
Menschen, die mir das übelnahmen, mich manchmal sogar dafür anraunzten.
Dabei ging es uns
in Frankreich nicht besser. Im Gegenteil, in meinem Canton erreichte die Arbeitslosigkeit
kurzzeitig 25%. Aber die Leute lebten, lächelten. Obwohl viele nichts mehr zu lachen
hatten. Eines Tages kam ich dazu, wie ein junger Familienvater meinem Freund klagte, er
habe nun auch die Arbeit verloren. Wir jammerten auch mal kurz, dann klatschte mein Freund
in die Hände, meinte: "hilft alles nichts", und machte eine Flasche Wein auf.
"Freuen wir uns, dass wir leben und die können wir auch noch bezahlen", sagte
er.
Er forderte von dem
jungen Mann, er solle sich einen Anhänger leihen und sich Brennholz für den Winter von
ihm holen. Der junge Mann wusste nicht, wie er das je bezahlen sollte. Mein Freund hatte
eine einfache Lösung: Er sollte ihm helfen, die Scheune zu reparieren. Damit hatte er
auch eine Beschäftigung. Und ansonsten müsse man es "denen in Paris" eben
gehörig zeigen.
Der
"Lavendelblues" war geboren. Ich wollte nachspüren, wie zwei so
unterschiedliche Lebenshaltungen zustande kommen und was sie bewirken können...
DIE
FIGUREN
Gleich zu Anfang
ergeben sich aus der Idee und Thematik meine Figuren. Aber erst, wenn sie wirklich so
lebendig sind, dass ich mich mit ihnen unterhalten kann, ist das Schreiben möglich. Denn
erst, wenn diese Charaktere wie im Leben vor mir agieren, können sie mir die nötigen
Szenen diktieren. Eigentlich bin ich nur so etwas wie ein mittelalterlicher Schreiber.
Meine Figuren benutzen mich, um ihre Geschichte zu erzählen. Das geht ganz einfach: Ich
werde zu meiner Figur. Ich glaube, es gibt viele Parallelen zwischen Autoren und
Schauspielern. Erstere sind einfach nur zu feige, sich auf eine Bühne zu stellen.
Ich halte mich
deshalb nicht lange damit auf, Biographien zu entwerfen. Ich muss ja nur die Figuren
fragen, wenn ich etwas vergessen habe. Die Kurzbiographien dienen lediglich als Merkblatt
für meine Vergesslichkeit: Jemand, der auf S. 21 blaue Augen hat, sollte auf S. 138 keine
braunen zeigen... Hier als Beispiel die für meine Verhältnisse sehr ausführliche
Beschreibung von Yves:

DER PLOT
Da ich diesen Roman nur mit
Exposé, ohne Probetext oder fertiges Manuskript, verkauft habe, musste der Plot genau
stehen... ohne Struktur der Geschichte und Kenntnis der Handlung kann ich kein Exposé
schreiben. Das Exposé ist für mich aber nicht nur ein Verkaufsinstrument, sondern
wichtiger roter Faden für das Schreiben. Habe ich ein Exposé, brauche ich keine genauen
Pläne mehr. (Früher habe ich mit tausend Farben und Geheimzeichen Storyboards auf
meterlangem Millimeterpapier entworfen).
In diesem Fall gab es trotzdem
einen Kapitelplan. Einerseits, um die Seitenzahl und den Zeitplan zum Schreiben im Griff
zu behalten. Andererseits als Hilfe, weil ich andere Bücher nebenher schrieb und schnell
umschalten musste. Ich hatte damit auch einen groben Plan zum Abhaken, was schon geschafft
war. Weil ich weiß, wie lange ich für ein Kapitel brauche, kann ich so den Abgabetermin
ausrechnen:

Damals hieß Bruni noch Iris und
Estelle Florence. Das wurde mir zu blumig. Außerdem achte ich darauf, dass sich Namen
klanglich nicht zu sehr ähneln, damit meine Leser die Personen auseinanderhalten können.
Bunte Punkte zeigten mir, welche Personen auftreten. Ich verzeichnete die Handlungsorte
und Extrazeichen für Inhalte. Aus dem Grobplan entwickelte ich einen kurzen Szenenplan,
der mir angab, um was es im Kapitel ging. Wer mit dem gedruckten Buch vergleicht, wird
sehen, wie schnell und radikal ich manchmal geändert habe. Wie ich Szenen umsetze,
erfahre ich von meinen Figuren spontan und oft überraschend:

DIE SZENEN
Um Szenen zu erfinden, gehe ich
ebenfalls sehr spontan und intuitiv vor. Ich habe keine Methode, die sich von Szene zu
Szene gleicht. Manchmal kommen mir die Ideen zwischendurch und ich muss schnell notieren.
So hörte ich eines Tages online in einem Radiosender aus Louisiana das bekannte
Cajun-Blues-Stück "J'ai été-z-au bal hier soir". Der Klang von "Baton
Rouge" kam vor mein Auge (ja, ich sehe Klänge)... und schon entstanden die Notizen,
aus denen schließlich die Schlußszene des Romans wurde und das Fest mit dem Titel
"La vie en rouge":

Das klappt leider nicht immer so
aus dem Bauch, manchmal bin ich auch bemüht, mit einer Szene genau abdecken zu können,
was ich aussagen möchte. In solchen Fällen helfe ich meiner Phantasie durch
Assoziationsketten nach. Die folgenden Assoziationen zum Wort "Krise" brachten
mir das Kapitel "Krisensucht" (S. 58) ein:

RECHERCHE
Vieles braucht vor dem Plotten
und nachher beim Schreiben noch einmal eine genaue Recherche - und wenn es nachher im
Roman noch so nebensächlich daherkommt.
Am meisten Planungsarbeit hatte
ich mit der Reise von Dahlia und Estelle ins Quercy. Ich konnte nicht schnell mal zehn
Stunden in den Süden fahren und zurück, nur um zu schauen, dass ich keine Fehler mache
und die Straßen existieren. Und weil ich nicht über ein fiktives Land schrieb, würden
meine Leser, die es kennen, Fehler übelnehmen. Also plante ich die Reise minutiös auf
Papier, probierte Zeitplanungen aus, überlegte, wann die beiden tanken mussten, wann sie
Hunger bekamen und wie sich die Landschaft veränderte. Hier ein kleiner Einblick:

Genauso gab es für den Roman
einen Kalender, in dem ich notierte, was wann passiert, um nachher nicht die Tage oder gar
Jahreszeiten zu verwechseln. Der Roman spielt demnach im Jahre 2005:

Versuchen Sie nicht, La
Roque-Loupiac auf der Karte zu finden. Es ist ein fiktives Dorf in einer realen Region.
Für mich ist es jedoch real genug, um zu wissen, auf welcher realen Straße ich hinfahre
und wie ich es im Atlas finde! Noch schlimmer: Ich bin im Besitz des einzigen Ortsplans
von La Roque-Loupiac:

Ich zeichne noch mehr Karten.
Césars Haus musste typisch für die Landschaft sein. Und ich muss mich genau darin
auskennen und wissen, warum die angetrunkene Dahlia die Tür nicht findet:

Bei Dahlias Laden wurden dann
auch noch andere Qualitäten von der Autorin verlangt. Ich wollte ihn umbauen lassen. Also
musste ich meine Ideen als Innenarchitektin erst einmal testen und entscheiden, welche Art
des Umbaus erschwinglich für sie wäre. Durch eine Zeichnung war die Minimallösung mit
den Mitteln vom Baumarkt schnell gefunden:

Meine Liebe zum Recherchedetail
treibt auch seltsame Blüten. Wenn meine Figuren essen, will ich wissen, wie es duftet und
schmeckt... wenn es mich überkommt, koche ich das Gericht sogar nach. Das Lavendeleis
stammt aus meiner eigenen Küche. Für Dahlias und Estelles Reiseunterbrechung im
Charolais habe ich besonders gelitten... nein, Appetit bekommen. Die Rezeptesammlung war
jedoch schnell aus dem Internet zusammengestellt:

DER TEXT
Ich schreibe grundsätzlich am
Computer, weil ich schneller tippe und einfacher korrigieren kann. Ab und zu überkommt es
mich aber, ein Kapitel auf Papier zu entwerfen. Wann das passiert, kann ich nicht sagen...
manchmal strahlt die Sonne zu stark auf den Laptop, weil ich im Garten arbeite; manchmal
brauche ich das haptische Gefühl, weil der Sonntag so gemütlich ist... und manchmal
weiß ich, dass ich nicht viel ändern muss, weil das Kapitel schon im Kopf geschrieben
ist. Hier der Roh-Entwurf zu S.42/43, der dann am Computer noch einmal feingeschliffen
wird:

Ab und zu geht dieser
Feinschliff sehr ins Detail, denn Sprache ist für mich Musik und mein Text muss sich auch
sprechen lassen - und in seinem Klang stimmig sein. Den Rhythmus schreibe ich intuitiv wie
in einer Art Trance nieder, ich singe meinen Text sozusagen in die Tasten. Wenn ich dann
merke, dass sich ein Wort querstellt, schaue ich genauer, ob es vielleicht am Rhythmus
liegen mag. Ich vermute, dass dieses Stück aus dem Kapitel "Lavendelblues I"
stammt, zu dem es hier eine Leseprobe
gibt:

DER TITEL
Ist der Titel gefunden, wird er
erst einmal auf Herz und Nieren überprüft. Wie ist sein Klang? Ist er einprägsam? Aber
vor allem: Welche Spontanassoziationen entstehen, wenn man ihn hört?

DIE BELOHNUNG
Eine kleine Marotte von mir:
Daten sammeln, um sich am Ende selbst auf die Schulter klopfen zu können, dass man den
Roman trotz aller Widrigkeiten und Durchhänger doch ganz gut bewältigt hat. In diesem
Metier muss man sich sehr oft selbst auf die Schulter klopfen können... denn Motivierung
von außen gibt es nur selten dann, wenn man sie am nötigsten hat.
An diesem Beispiel sieht man
besonders schön, wie überarbeitet ich zum Schluss war. Beim Absendedatum nach
Fahnenkorrektur hat mein Zahlengehirn endgültig ausgesetzt. Ich befand mich nicht nur im
falschen Jahr, sondern auch an einem falschen Tag... denn für die Fahnen hatte ich etwa
drei Tage Zeit. Abgegeben habe ich sie auch nicht... ich habe die Korrekturen per Telefon
durchgegeben. Bis zum Februar habe ich gebraucht, um mich von den Endkorrekturen von drei
Büchern zu erholen und zu lernen, dass inzwischen 2006 geschrieben wurde...

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