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Lavendelblues bestellen

Petra van Cronenburg: Lavendelblues. Roman. BLT / Lübbe

 

Lavendelblues: Ein Roman entsteht

Ich werde immer wieder gefragt, wie ein Roman entsteht, wie ein Autor seine Ideen zu einer Geschichte wachsen lässt. Autoren selbst können stundenlang darüber debattieren, welche Methode zum optimalen Ziel führen könnte... nur gibt es so viele Methoden wie Autoren.

In diesem Experiment möchte ich Sie Mäuschen spielen lassen bei meinen Vorarbeiten. Aber ich sage vorweg: Auch ich habe keine alleinige Methode... jeder Roman entsteht anders. Und was sich für mich gut anfühlt, kann einen Kollegen völlig konfus machen. Die Einblicke ins Plotten, in die Entstehung eines Romans sind also nur Einblicke, wie der "Lavendelblues" entstand. Allen Büchern gemeinsam ist, dass ich ihnen ein dickes DIN-A-4-Heft mit Spezialschönschreibpapier schenke. Mir fällt auf, dass ich nicht immer schön schreibe, sondern sogar verschiedene Schriften habe, je nachdem, mit welcher Figur ich beschäftigt bin. Man kennt das von multiplen Persönlichkeiten...

Bilder zur Vergrößerung anklicken (Leider hat mir James Bond mit seiner Supertextkamera abgesagt - ich bitte die Qualität zu entschuldigen. Wenn ich wieder einen funktionierenden Scanner habe, werde ich die Bilder austauschen).

DIE IDEE

Es ist nicht zu beschreiben, wie ich auf die Ideen zu meinen Romanen komme. Ich interessiere mich für das, was die Menschen am meisten umtreibt und gehe wie ein Schwamm durchs Leben. Sauge Eindrücke auf, Berichte, Ängste, Wünsche. Irgendwann fügen sich Mosaiksteinchen zusammen oder es fällt ein Maikäfer in meine Kaffeetasse... und die Idee zum Roman ist geboren.

Diesmal kann ich mich daran erinnern, dass mir die Krisenjammerei jenseits des Rheins gehörig auf die Nerven fiel. Ich hatte den Eindruck, die Leute stünden sich mit ihrer kollektiv verordneten Depression selbst im Wege. Es wurde körperlich spürbar. Sobald ich über die Rheinbrücke in den Osten gefahren war und immer noch lächelte, stieß ich zunehmend auf Menschen, die mir das übelnahmen, mich manchmal sogar dafür anraunzten.

Dabei ging es uns in Frankreich nicht besser. Im Gegenteil, in meinem Canton erreichte die Arbeitslosigkeit kurzzeitig 25%. Aber die Leute lebten, lächelten. Obwohl viele nichts mehr zu lachen hatten. Eines Tages kam ich dazu, wie ein junger Familienvater meinem Freund klagte, er habe nun auch die Arbeit verloren. Wir jammerten auch mal kurz, dann klatschte mein Freund in die Hände, meinte: "hilft alles nichts", und machte eine Flasche Wein auf. "Freuen wir uns, dass wir leben und die können wir auch noch bezahlen", sagte er.

Er forderte von dem jungen Mann, er solle sich einen Anhänger leihen und sich Brennholz für den Winter von ihm holen. Der junge Mann wusste nicht, wie er das je bezahlen sollte. Mein Freund hatte eine einfache Lösung: Er sollte ihm helfen, die Scheune zu reparieren. Damit hatte er auch eine Beschäftigung. Und ansonsten müsse man es "denen in Paris" eben gehörig zeigen.

Der "Lavendelblues" war geboren. Ich wollte nachspüren, wie zwei so unterschiedliche Lebenshaltungen zustande kommen und was sie bewirken können...

 

DIE FIGUREN

Gleich zu Anfang ergeben sich aus der Idee und Thematik meine Figuren. Aber erst, wenn sie wirklich so lebendig sind, dass ich mich mit ihnen unterhalten kann, ist das Schreiben möglich. Denn erst, wenn diese Charaktere wie im Leben vor mir agieren, können sie mir die nötigen Szenen diktieren. Eigentlich bin ich nur so etwas wie ein mittelalterlicher Schreiber. Meine Figuren benutzen mich, um ihre Geschichte zu erzählen. Das geht ganz einfach: Ich werde zu meiner Figur. Ich glaube, es gibt viele Parallelen zwischen Autoren und Schauspielern. Erstere sind einfach nur zu feige, sich auf eine Bühne zu stellen.

Ich halte mich deshalb nicht lange damit auf, Biographien zu entwerfen. Ich muss ja nur die Figuren fragen, wenn ich etwas vergessen habe. Die Kurzbiographien dienen lediglich als Merkblatt für meine Vergesslichkeit: Jemand, der auf S. 21 blaue Augen hat, sollte auf S. 138 keine braunen zeigen... Hier als Beispiel die für meine Verhältnisse sehr ausführliche Beschreibung von Yves:

lavendelblues: figurenbiographie

 

DER PLOT

Da ich diesen Roman nur mit Exposé, ohne Probetext oder fertiges Manuskript, verkauft habe, musste der Plot genau stehen... ohne Struktur der Geschichte und Kenntnis der Handlung kann ich kein Exposé schreiben. Das Exposé ist für mich aber nicht nur ein Verkaufsinstrument, sondern wichtiger roter Faden für das Schreiben. Habe ich ein Exposé, brauche ich keine genauen Pläne mehr. (Früher habe ich mit tausend Farben und Geheimzeichen Storyboards auf meterlangem Millimeterpapier entworfen).

In diesem Fall gab es trotzdem einen Kapitelplan. Einerseits, um die Seitenzahl und den Zeitplan zum Schreiben im Griff zu behalten. Andererseits als Hilfe, weil ich andere Bücher nebenher schrieb und schnell umschalten musste. Ich hatte damit auch einen groben Plan zum Abhaken, was schon geschafft war. Weil ich weiß, wie lange ich für ein Kapitel brauche, kann ich so den Abgabetermin ausrechnen:

lavendelblues: plot

Damals hieß Bruni noch Iris und Estelle Florence. Das wurde mir zu blumig. Außerdem achte ich darauf, dass sich Namen klanglich nicht zu sehr ähneln, damit meine Leser die Personen auseinanderhalten können. Bunte Punkte zeigten mir, welche Personen auftreten. Ich verzeichnete die Handlungsorte und Extrazeichen für Inhalte. Aus dem Grobplan entwickelte ich einen kurzen Szenenplan, der mir angab, um was es im Kapitel ging. Wer mit dem gedruckten Buch vergleicht, wird sehen, wie schnell und radikal ich manchmal geändert habe. Wie ich Szenen umsetze, erfahre ich von meinen Figuren spontan und oft überraschend:

lavendelblues:detailplot

 

DIE SZENEN

Um Szenen zu erfinden, gehe ich ebenfalls sehr spontan und intuitiv vor. Ich habe keine Methode, die sich von Szene zu Szene gleicht. Manchmal kommen mir die Ideen zwischendurch und ich muss schnell notieren. So hörte ich eines Tages online in einem Radiosender aus Louisiana das bekannte Cajun-Blues-Stück "J'ai été-z-au bal hier soir". Der Klang von "Baton Rouge" kam vor mein Auge (ja, ich sehe Klänge)... und schon entstanden die Notizen, aus denen schließlich die Schlußszene des Romans wurde und das Fest mit dem Titel "La vie en rouge":

lavendelblues:ideenfindung

Das klappt leider nicht immer so aus dem Bauch, manchmal bin ich auch bemüht, mit einer Szene genau abdecken zu können, was ich aussagen möchte. In solchen Fällen helfe ich meiner Phantasie durch Assoziationsketten nach. Die folgenden Assoziationen zum Wort "Krise" brachten mir das Kapitel "Krisensucht" (S. 58) ein:

lavendelblues: assoziationen / krise

 

RECHERCHE

Vieles braucht vor dem Plotten und nachher beim Schreiben noch einmal eine genaue Recherche - und wenn es nachher im Roman noch so nebensächlich daherkommt.

Am meisten Planungsarbeit hatte ich mit der Reise von Dahlia und Estelle ins Quercy. Ich konnte nicht schnell mal zehn Stunden in den Süden fahren und zurück, nur um zu schauen, dass ich keine Fehler mache und die Straßen existieren. Und weil ich nicht über ein fiktives Land schrieb, würden meine Leser, die es kennen, Fehler übelnehmen. Also plante ich die Reise minutiös auf Papier, probierte Zeitplanungen aus, überlegte, wann die beiden tanken mussten, wann sie Hunger bekamen und wie sich die Landschaft veränderte. Hier ein kleiner Einblick:

lavendelblues:reiseverlauf    lavendelblues:reisedetail   lavendelblues:reiseziel   lavendelblues:reise zeitplanung

Genauso gab es für den Roman einen Kalender, in dem ich notierte, was wann passiert, um nachher nicht die Tage oder gar Jahreszeiten zu verwechseln. Der Roman spielt demnach im Jahre 2005:

lavendelblues:kalender

Versuchen Sie nicht, La Roque-Loupiac auf der Karte zu finden. Es ist ein fiktives Dorf in einer realen Region. Für mich ist es jedoch real genug, um zu wissen, auf welcher realen Straße ich hinfahre und wie ich es im Atlas finde! Noch schlimmer: Ich bin im Besitz des einzigen Ortsplans von La Roque-Loupiac:

lavendelblues:karte   lavendelblues:la roque-loupiac

Ich zeichne noch mehr Karten. Césars Haus musste typisch für die Landschaft sein. Und ich muss mich genau darin auskennen und wissen, warum die angetrunkene Dahlia die Tür nicht findet:

lavendelblues: haus   lavendelblues: haus grundriss

Bei Dahlias Laden wurden dann auch noch andere Qualitäten von der Autorin verlangt. Ich wollte ihn umbauen lassen. Also musste ich meine Ideen als Innenarchitektin erst einmal testen und entscheiden, welche Art des Umbaus erschwinglich für sie wäre. Durch eine Zeichnung war die Minimallösung mit den Mitteln vom Baumarkt schnell gefunden:

lavendelblues:ladenplan

Meine Liebe zum Recherchedetail treibt auch seltsame Blüten. Wenn meine Figuren essen, will ich wissen, wie es duftet und schmeckt... wenn es mich überkommt, koche ich das Gericht sogar nach. Das Lavendeleis stammt aus meiner eigenen Küche. Für Dahlias und Estelles Reiseunterbrechung im Charolais habe ich besonders gelitten... nein, Appetit bekommen. Die Rezeptesammlung war jedoch schnell aus dem Internet zusammengestellt:

lavendelblues:rezepte

 

DER TEXT

Ich schreibe grundsätzlich am Computer, weil ich schneller tippe und einfacher korrigieren kann. Ab und zu überkommt es mich aber, ein Kapitel auf Papier zu entwerfen. Wann das passiert, kann ich nicht sagen... manchmal strahlt die Sonne zu stark auf den Laptop, weil ich im Garten arbeite; manchmal brauche ich das haptische Gefühl, weil der Sonntag so gemütlich ist... und manchmal weiß ich, dass ich nicht viel ändern muss, weil das Kapitel schon im Kopf geschrieben ist. Hier der Roh-Entwurf zu S.42/43, der dann am Computer noch einmal feingeschliffen wird:

lavendelblues:entwurf1   lavendelblues:entwurf

Ab und zu geht dieser Feinschliff sehr ins Detail, denn Sprache ist für mich Musik und mein Text muss sich auch sprechen lassen - und in seinem Klang stimmig sein. Den Rhythmus schreibe ich intuitiv wie in einer Art Trance nieder, ich singe meinen Text sozusagen in die Tasten. Wenn ich dann merke, dass sich ein Wort querstellt, schaue ich genauer, ob es vielleicht am Rhythmus liegen mag. Ich vermute, dass dieses Stück aus dem Kapitel "Lavendelblues I" stammt, zu dem es hier eine Leseprobe gibt:

lavendelblues:rhythmus

 

DER TITEL

Ist der Titel gefunden, wird er erst einmal auf Herz und Nieren überprüft. Wie ist sein Klang? Ist er einprägsam? Aber vor allem: Welche Spontanassoziationen entstehen, wenn man ihn hört?


lavendelblues: assoziationen titel

 

DIE BELOHNUNG

Eine kleine Marotte von mir: Daten sammeln, um sich am Ende selbst auf die Schulter klopfen zu können, dass man den Roman trotz aller Widrigkeiten und Durchhänger doch ganz gut bewältigt hat. In diesem Metier muss man sich sehr oft selbst auf die Schulter klopfen können... denn Motivierung von außen gibt es nur selten dann, wenn man sie am nötigsten hat.

An diesem Beispiel sieht man besonders schön, wie überarbeitet ich zum Schluss war. Beim Absendedatum nach Fahnenkorrektur hat mein Zahlengehirn endgültig ausgesetzt. Ich befand mich nicht nur im falschen Jahr, sondern auch an einem falschen Tag... denn für die Fahnen hatte ich etwa drei Tage Zeit. Abgegeben habe ich sie auch nicht... ich habe die Korrekturen per Telefon durchgegeben. Bis zum Februar habe ich gebraucht, um mich von den Endkorrekturen von drei Büchern zu erholen und zu lernen, dass inzwischen 2006 geschrieben wurde...

lavendelblues:belohnung

 

 


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