Wie kommt eigentlich eine Romanfigur zu ihrem Beruf? Wie viel recherchieren
Autoren, damit die Tätigkeit glaubwürdig ist?
Dahlias Dekorationsgeschäft
"la vie en rose", in dem sie sich ganz dem Thema "Rosen"
verschrieben hat, ist ein Extremfall - genauer gesagt ein Abfallprodukt

An Dahlias
Laden rankt sich eine besondere Rosenzüchtung hoch, die alten Sorten nachempfunden ist
und fein nach Rose, Honig und einer zitronigen Note duftet. In Frankreich heißt die
Züchtung von Meilland Pierre de Ronsard, in Deutschland kennt man sie als Edenrose.
Da schlug vor Jahren die
Medienkrise spürbar zu, Auftraggeber hatten kein Geld mehr oder Aufträge blieben aus,
weil ich nicht gewillt war, Knebelverträge und Buy-out-Klauseln zu unterschreiben. Immer
mehr festangestellte Kollegen wurden arbeitslos. Als dann der erste Fernsehjournalist die
Nase voll hatte und zum Weinhändler mutierte, dachte ich ernsthaft darüber nach, den
Beruf zu wechseln, bevor es zu spät war.
Ich liebe guten Wein und die
Sache mit dem Weinhandel hätte mich reizen können - aber in Frankreich zählt der Beruf
nicht gerade zu den Innovationen. Kam die Überlegung dazu, dass ich mittlerweile schon
fünf Journalisten kannte, die Weinhändler geworden waren... in Kürze würde es sich
herumsprechen, dass man Aussteiger vor sich hatte.

Mit einem Tortenheber im
Rosendekor fing es an: Dahlia entdeckte, wie teuer sie Idyllekitsch in der Internetauktion
verscherbeln konnte.
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Ich liebe Rosen, ich ziehe
historische Rosen im Garten nach - und ich kenne mich aus. Ein anderes Hobby ist
Innenausstattung und Dekoration. Fieberhaft arbeitete ich die nächste Zeit an einem
Businessplan: Innenausstattung und Dekoration mit Rosendekor. Verrückt, wenn man sich
darauf konzentriert, was es alles gibt! Ich sah mich schon auf Fachmessen stöbern. Aber
so ein Businessplan ist eine knallharte Verstandessache. Als es an die Finanzierung ging,
starb meine Idee einen schnellen, jämmerlichen Tod. Ich hatte das Kapital nicht, dass zur
Erstfinanzierung nötig gewesen wäre.
Also hegte ich weiter die Rosen
im Garten und schrieb und schrieb und schrieb. Ich hatte ja nichts anderes gelernt. Hätte
das mit dem Laden geklappt, oder wäre ich aus lauter Verzweiflung auch noch
Weinhändlerin geworden - dieser Roman wäre nie entstanden! Zum Schreiben hat man keine
Zeit, wenn man allein im Laden steht und nach Feierabend Lager- und Buchhaltung macht.

Aber Schriftsteller haben es
gut. Sie können ihre Ideen hemmungslos ausleben, ohne selbst auf die Nase zu fallen.
Dahlia kam mir gerade recht. Eine Frau mit Blumennamen, die dem eiskalten und brutalen
Thema der Insolvenz etwas "Weicheres" entgegensetzen sollte. Ich schenkte ihr
meinen Businessplan und den Laden dazu. Heute bin ich glücklich, dass ich beim Schreiben
geblieben bin - Dahlia macht ihre Sache viel besser als ich. Und wenn es mich überkommt,
fahre ich nach Colombourg und kaufe die fehlenden Tassen für mein englisches
Rosenservice. Gibt es nicht, das Städtchen? Glauben Sie wirklich? Dann schauen Sie sich
doch das nächste Mal an der Grenze ganz genau um...

Zwischendurch
geht es Dahlias Laden "la vie en rose" so richtig gut:
"Ein
Engländer hat mir fast zweitausend Euro für einen wurmstichigen Fichtenholzsekretär
gezahlt, den ich gar nicht verkaufen wollte, weil ich ihn nur zum Präsentieren verwende.
Ich hatte ihn in einem An- und verkauf für achtzig Euro erstanden. Von dort stammten auch
die Rosenteller, ein Euro das Stück, weil die Glasur aus den Zwanzigern brüchig geworden
war. Eine Kundin nahm mir die ganze Kollektion zum fünffachen Preis ab und eine
Brokatstola dazu. So stelle ich mir das Geschäft mit meinem Romantikladen sonst nur in
Träumen vor."
... aber der
Schein trügt!
Zitat aus
Petra van Cronenburg: Lavendelblues, S. 48

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