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Petra van Cronenburg: Lavendelblues. Roman. BLT / Lübbe

 

Leseproben

PROLOG - LAVENDELBLUES I - VERLOCKUNG

Prolog, S. 11-12

Ich glaube nicht an Karten. Ich habe das nur meiner Freundin Estelle zuliebe gemacht, die darauf schwört, es sei die ideale Methode, um in problematischen Situationen wieder klar zu sehen. Ich glaube nicht an Vorbestimmung und folglich nicht an das Prophezeien der Zukunft. Die ließe sich leichter an meinem Kontostand prognostizieren.

Als ich am Tisch der Kartenlegerin saß, wusste ich auf einmal, dass etwas in meinem Leben aus den Fugen geraten war. Ich blickte auf die Hände des Mediums und auf das Regal hinter der Frau. Dort stand auf braunem Samt ein uralter Glassturz. Er schützte eine Madonna mit Wachsgesicht, eine echte Jugendstil-Statue. Jemand hatte eine blühende Orchidee neben sie gestellt und einen kleinen giftgrünen Dinosaurier aus Plastik. Man hat im Leben also immer die Wahl, dachte ich und wünschte mir einen überdimensionalen Glassturz zu meinem Schutz.

Aber auch die Kartenlegerin packte mich nicht in Watte.

„Passen Sie auf, wie Sie mit der Kraft des Blitzes umgehen! Die Frau auf dem Bild sind Sie. Zwei Menschen in ihrem Umfeld werden mitgerissen werden.“

Karte Nummer sechzehn: der Turm.

So ein Ding, wie man es früher in Ermangelung von Mobilfunkantennen auf kahlen Bergkuppen fand. Der Horror meiner Schulausflüge, weil ich Gegenverkehr auf engen Wendeltreppen hasse. Bei dem Turm auf der Karte wand sich die Treppe wie im Alptraum ohne Geländer auf der Außenseite hoch. Katastrophen biblischen Ausmaßes brachten das Bauwerk und die Brücke daneben zum Bersten. Alles, was man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht, räumte auf dem Bild auf: Erdbeben, Feuersbrünste, wild zuckende Blitze, flammende Kometenschauer, Lava auf dem Wasser... Wäre ein wunderbares Kinoplakat gewesen für „Inferno küsst Super-GAU“ oder „Der wirklich allerletzte Tag“.

Mich irritierte die fette Kröte im Vordergrund. Ihr Bauch glitzerte wie tausend Sterne. Und die Kartenlegerin hatte das gleiche triefende Grinsen im Gesicht, als sie die Hand für das Honorar ausstreckte.

Ich hatte es geahnt. Weder Karten noch ein Medium konnten mir helfen. Mein ganz persönlicher schwarzer Freitag hatte längst stattgefunden. Ich würde den Freischwimmer für Lavaströme machen müssen oder lernen, wie man den Kometenbrocken ausweicht, die das Leben so reichlich bereit hält.

 

aus dem Kapitel "Lavendelblues I", S. 49-51

Estelle fehlt noch, im Restaurant brennen weniger Lampen als sonst, dafür aber Kerzen auf einem Tisch, der für drei gedeckt ist. Mit weißer Decke statt der üblichen rot-weiß karierten, und mit Kristallgläsern. Yves sitzt selbstvergessen auf einem Stuhl am Eck und spielt Akkordeon. Als er mich bemerkt und abbrechen will, bedeute ich ihm, er solle sich nicht stören lassen, ich wolle mich still hinsetzen und zuhören.

Wenn Yves für Gäste spielt, bewegen sich seine Finger wie Wellen auf der Tastatur, und man hat den Verdacht, gleich werde auch noch sein Akkordeon anfangen zu schunkeln. Die Leute mögen es, fröhliche Bewegung zur Verdauung, und manchmal singen sie mit oder tanzen sogar. Was er nun spielt, lässt sich nicht schunkeln. Der Balg des Instruments zieht sich gravitätisch in die Länge, atmet schwer ein und schreitet langsam voran.

Ich schließe die Augen, und der Klang wird zur Stimme einer Altistin, die Charles Aznavours La Mamma probt. Ich fühle mich wie in einer romanischen Kirche, in der die Töne von den schlichten Wänden ins Dunkel tropfen. Sitze unvermittelt in der Sommerhitze der Camargue vor der Kirche in Stes.-Maries-de-la-Mer und lausche einem spanisch aussehenden Gitarristen. Dann höre ich Orientalisches, aus der Wüstenweite von Aigues Mortes, wo arabische Klänge in den Schatz der Troubadoure gerieten. Yves’ Musik kommt von weit her und von tief innen.

Sie hat die schwere Süße der überreifen Trauben im Süden, die kalte Schärfe des Zuckerrohrs, das dort wuchert, wo van Gogh sich das Ohr abschnitt. Seine Musik bewegt sich wie Lavendelblüten in einem Wind, der Wolkenbrüche vor sich her treibt. Lavendelblues... Vom Himmelswasser ist sein Duft nicht auszuwaschen. Und so setzen sich in das traurige Ziehen leise Akzente, hüpfen, fangen an zu rollen wie die Brandung am Meer.

Es ist ein Meer, das seine Trauer tanzt und wogt und Menschenkörper mitreißt. Yves spielt Tristesse, die nach Muschelsand riecht, nach Blütenfeldern und nach einer südlichen Regennacht. Es ist eine Traurigkeit, wie sie der Funkenflug von Lagerfeuern über das Land legt. Klagende Vögel fliegen sie auf Marktplätze, auf denen das Leben brandet. Frauen verschütteln sie mit bunten Tüchern beim Tanzen. Dieser Blues treibt und zieht und verwirbelt Bilder.

Zieht mich in verborgene innere Räume und in eine Sehnsucht nach der Weite hinter dem Meer. Eine Sehnsucht, die so verheißungsvoll drängt und schmerzt, dass sie getanzt werden will, muss ... Mit den Fingern auf den Tasten, mit den Füßen. Lavendelblau, süß und scharf, kalt wie das Klagen, heiß wie das Feuer, das den Körper packt. Und schließlich, als sich das Meer müde gekocht und geschäumt hat, die Stille.

Ich erwache wie aus einem Traum, habe die Welt um mich vergessen. Yves Augen wirken kohlrabenschwarz und haben einen goldenen Schimmer. Er lächelt und zwinkert mir zu.

„Das kann ich meinen Gästen nicht zumuten.“

 

aus dem Kapitel "Verlockung", S. 89-90

Nach bald vier Stunden passiert es. Estelle fährt, und ich schaue auf die Karte, wir lesen uns die Straßenschilder laut vor, singen uns die Ortsnamen vor und schauen uns triumphierend in die Augen. Urlaub. Der Staubgeschmack des Alltags hat sich verflüchtigt. Es ist immer noch das gleiche Land, aber jemand hat die Namen darin mit Zauberhand berührt. Wir fahren langsamer, um nach dem Tanken den Autobahnwechsel nicht zu verpassen. Durch die offenen Fenster dringt der Duft frischgemähten Heus. Die Ortsnamen schmecken wir auf der Zunge. Da geht es nach Beaune, elegant und fruchtig. Es lockt Nuits St. Georges mit Aromen von schwarzen Früchten und Erde, Puligny-Montrachet, subtil duftend nach Butter, gerösteter Mandel und ein wenig Metall, Mersault, reich an Nussaromen mit einem Einschlag von feuchtem Stein.

Wir sind mitten in der Bourgogne und jede Abfahrt ist das Versprechen eines Etiketts für edlen Wein.

„Denkst du, was ich denke?“, fragt mich Estelle.

Auch mir läuft das Wasser im Munde zusammen, doch ich bedenke die unendlich scheinende Strecke, die wir noch vor uns haben.

„Ich fürchte, ja“, sage ich und lache, „aber es ist noch früh am Abend. Lass uns zuerst eine größere Strecke hinter uns bringen. Anschließend gönnen wir uns etwas richtig Feines!“

„Gut, ich kann noch etwa anderthalb Stunden fahren, aber danach breche ich vor Hunger zusammen!“ Estelle taut sichtlich auf, sie ist wieder ganz in ihrer Lebensweise. Ihre Eltern kommen aus dem Beaujolais.

Die künstliche Welt der Geldsäcke, das Publikum, das ihre letzten Kräfte fordert, das alles ist weit weg. Hier ist die Erde Luxus, weil darin der wertvolle Wein wächst. Und hinter der schmucklosen Minenstadt Montchanin beginnt das, was wir spaßend la France profonde nennen, deep France, das Hinterland. Dort erzählen die Ortsnamen vom frühen Mittelalter, von irischen Mönchen und Heiligen, von Klöstern und Bauern. Auf unserer Route werden wir uns in die hintersten Ecken der französischen Geschichte begeben – bis in die Steinzeit zurück. Gegen acht nimmt Estelle mit wissendem Lächeln eine Ausfahrt, ohne mich zu fragen.

Die Heiligen sind inzwischen in der Überzahl und heißen Jean, Léodegar, Radegonde und Léon. Heilige, die auch im Elsass lebten, uns vertraut klingen. Nur die Kühe auf den blühenden Wiesen sehen anders aus, weiß und fleischig.

„Hier bleiben wir“, verkündet Estelle, ohne Widerspruch zu dulden: (...)

 

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