PROLOG - LAVENDELBLUES I - VERLOCKUNG
Prolog,
S. 11-12
Ich glaube nicht
an Karten. Ich habe das nur meiner Freundin Estelle zuliebe gemacht, die darauf schwört,
es sei die ideale Methode, um in problematischen Situationen wieder klar zu sehen. Ich
glaube nicht an Vorbestimmung und folglich nicht an das Prophezeien der Zukunft. Die
ließe sich leichter an meinem Kontostand prognostizieren.
Als ich am Tisch
der Kartenlegerin saß, wusste ich auf einmal, dass etwas in meinem Leben aus den Fugen
geraten war. Ich blickte auf die Hände des Mediums und auf das Regal hinter der Frau.
Dort stand auf braunem Samt ein uralter Glassturz. Er schützte eine Madonna mit
Wachsgesicht, eine echte Jugendstil-Statue. Jemand hatte eine blühende Orchidee neben sie
gestellt und einen kleinen giftgrünen Dinosaurier aus Plastik. Man hat im Leben also
immer die Wahl, dachte ich und wünschte mir einen überdimensionalen Glassturz zu meinem
Schutz.
Aber auch die
Kartenlegerin packte mich nicht in Watte.
Passen Sie
auf, wie Sie mit der Kraft des Blitzes umgehen! Die Frau auf dem Bild sind Sie. Zwei
Menschen in ihrem Umfeld werden mitgerissen werden.
Karte Nummer
sechzehn: der Turm.
So ein Ding, wie
man es früher in Ermangelung von Mobilfunkantennen auf kahlen Bergkuppen fand. Der Horror
meiner Schulausflüge, weil ich Gegenverkehr auf engen Wendeltreppen hasse. Bei dem Turm
auf der Karte wand sich die Treppe wie im Alptraum ohne Geländer auf der Außenseite
hoch. Katastrophen biblischen Ausmaßes brachten das Bauwerk und die Brücke daneben zum
Bersten. Alles, was man nicht einmal seinem ärgsten Feind wünscht, räumte auf dem Bild
auf: Erdbeben, Feuersbrünste, wild zuckende Blitze, flammende Kometenschauer, Lava auf
dem Wasser... Wäre ein wunderbares Kinoplakat gewesen für Inferno küsst
Super-GAU oder Der wirklich allerletzte Tag.
Mich irritierte
die fette Kröte im Vordergrund. Ihr Bauch glitzerte wie tausend Sterne. Und die
Kartenlegerin hatte das gleiche triefende Grinsen im Gesicht, als sie die Hand für das
Honorar ausstreckte.
Ich hatte es
geahnt. Weder Karten noch ein Medium konnten mir helfen. Mein ganz persönlicher schwarzer
Freitag hatte längst stattgefunden. Ich würde den Freischwimmer für Lavaströme machen
müssen oder lernen, wie man den Kometenbrocken ausweicht, die das Leben so reichlich
bereit hält.
aus dem Kapitel "Lavendelblues I", S. 49-51
Estelle fehlt
noch, im Restaurant brennen weniger Lampen als sonst, dafür aber Kerzen auf einem Tisch,
der für drei gedeckt ist. Mit weißer Decke statt der üblichen rot-weiß karierten, und
mit Kristallgläsern. Yves sitzt selbstvergessen auf einem Stuhl am Eck und spielt
Akkordeon. Als er mich bemerkt und abbrechen will, bedeute ich ihm, er solle sich nicht
stören lassen, ich wolle mich still hinsetzen und zuhören.
Wenn Yves für
Gäste spielt, bewegen sich seine Finger wie Wellen auf der Tastatur, und man hat den
Verdacht, gleich werde auch noch sein Akkordeon anfangen zu schunkeln. Die Leute mögen
es, fröhliche Bewegung zur Verdauung, und manchmal singen sie mit oder tanzen sogar. Was
er nun spielt, lässt sich nicht schunkeln. Der Balg des Instruments zieht sich
gravitätisch in die Länge, atmet schwer ein und schreitet langsam voran.
Ich schließe die
Augen, und der Klang wird zur Stimme einer Altistin, die Charles Aznavours La Mamma probt.
Ich fühle mich wie in einer romanischen Kirche, in der die Töne von den schlichten
Wänden ins Dunkel tropfen. Sitze unvermittelt in der Sommerhitze der Camargue vor der
Kirche in Stes.-Maries-de-la-Mer und lausche einem spanisch aussehenden Gitarristen. Dann
höre ich Orientalisches, aus der Wüstenweite von Aigues Mortes, wo arabische Klänge in
den Schatz der Troubadoure gerieten. Yves Musik kommt von weit her und von tief
innen.
Sie hat die
schwere Süße der überreifen Trauben im Süden, die kalte Schärfe des Zuckerrohrs, das
dort wuchert, wo van Gogh sich das Ohr abschnitt. Seine Musik bewegt sich wie
Lavendelblüten in einem Wind, der Wolkenbrüche vor sich her treibt. Lavendelblues... Vom
Himmelswasser ist sein Duft nicht auszuwaschen. Und so setzen sich in das traurige Ziehen
leise Akzente, hüpfen, fangen an zu rollen wie die Brandung am Meer.
Es ist ein Meer,
das seine Trauer tanzt und wogt und Menschenkörper mitreißt. Yves spielt Tristesse, die
nach Muschelsand riecht, nach Blütenfeldern und nach einer südlichen Regennacht. Es ist
eine Traurigkeit, wie sie der Funkenflug von Lagerfeuern über das Land legt. Klagende
Vögel fliegen sie auf Marktplätze, auf denen das Leben brandet. Frauen verschütteln sie
mit bunten Tüchern beim Tanzen. Dieser Blues treibt und zieht und verwirbelt Bilder.
Zieht mich in
verborgene innere Räume und in eine Sehnsucht nach der Weite hinter dem Meer. Eine
Sehnsucht, die so verheißungsvoll drängt und schmerzt, dass sie getanzt werden will,
muss ... Mit den Fingern auf den Tasten, mit den Füßen. Lavendelblau, süß und scharf,
kalt wie das Klagen, heiß wie das Feuer, das den Körper packt. Und schließlich, als
sich das Meer müde gekocht und geschäumt hat, die Stille.
Ich erwache wie
aus einem Traum, habe die Welt um mich vergessen. Yves Augen wirken kohlrabenschwarz und
haben einen goldenen Schimmer. Er lächelt und zwinkert mir zu.
Das kann ich
meinen Gästen nicht zumuten.
aus
dem Kapitel "Verlockung", S. 89-90
Nach bald vier
Stunden passiert es. Estelle fährt, und ich schaue auf die Karte, wir lesen uns die
Straßenschilder laut vor, singen uns die Ortsnamen vor und schauen uns triumphierend in
die Augen. Urlaub. Der Staubgeschmack des Alltags hat sich verflüchtigt. Es ist immer
noch das gleiche Land, aber jemand hat die Namen darin mit Zauberhand berührt. Wir fahren
langsamer, um nach dem Tanken den Autobahnwechsel nicht zu verpassen. Durch die offenen
Fenster dringt der Duft frischgemähten Heus. Die Ortsnamen schmecken wir auf der Zunge.
Da geht es nach Beaune, elegant und fruchtig. Es lockt Nuits St. Georges mit Aromen von
schwarzen Früchten und Erde, Puligny-Montrachet, subtil duftend nach Butter, gerösteter
Mandel und ein wenig Metall, Mersault, reich an Nussaromen mit einem Einschlag von
feuchtem Stein.
Wir sind mitten in
der Bourgogne und jede Abfahrt ist das Versprechen eines Etiketts für edlen Wein.
Denkst du,
was ich denke?, fragt mich Estelle.
Auch mir läuft
das Wasser im Munde zusammen, doch ich bedenke die unendlich scheinende Strecke, die wir
noch vor uns haben.
Ich
fürchte, ja, sage ich und lache, aber es ist noch früh am Abend. Lass uns
zuerst eine größere Strecke hinter uns bringen. Anschließend gönnen wir uns etwas
richtig Feines!
Gut, ich
kann noch etwa anderthalb Stunden fahren, aber danach breche ich vor Hunger
zusammen! Estelle taut sichtlich auf, sie ist wieder ganz in ihrer Lebensweise. Ihre
Eltern kommen aus dem Beaujolais.
Die künstliche
Welt der Geldsäcke, das Publikum, das ihre letzten Kräfte fordert, das alles ist weit
weg. Hier ist die Erde Luxus, weil darin der wertvolle Wein wächst. Und hinter der
schmucklosen Minenstadt Montchanin beginnt das, was wir spaßend la France profonde
nennen, deep France, das Hinterland. Dort erzählen die Ortsnamen vom frühen
Mittelalter, von irischen Mönchen und Heiligen, von Klöstern und Bauern. Auf unserer
Route werden wir uns in die hintersten Ecken der französischen Geschichte begeben
bis in die Steinzeit zurück. Gegen acht nimmt Estelle mit wissendem Lächeln eine
Ausfahrt, ohne mich zu fragen.
Die Heiligen sind
inzwischen in der Überzahl und heißen Jean, Léodegar, Radegonde und Léon. Heilige, die
auch im Elsass lebten, uns vertraut klingen. Nur die Kühe auf den blühenden Wiesen sehen
anders aus, weiß und fleischig.
Hier bleiben
wir, verkündet Estelle, ohne Widerspruch zu dulden: (...)
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