| Über
Baden-Baden, die weltberühmte Kurstadt an der Oos in Mittelbaden, gibt es auf Websites
längst erschöpfendes Material. Ich empfehle allen, die Wissenswertes und Bilder der
Stadt suchen, zum Einstieg den sehr ausführlichen Wikipedia-Artikel, die
Seite der Stadt Baden-Baden und
den Ultimativen Stadtführer Baden-Baden.
Hier auf dieser Seite geht es um "mein" Baden-Baden, subjektiv,
schnappschussartig und sicher den ein oder anderen genau deshalb einschnappen lassend. Es
geht um die Stadt, wie ich sie kenne und die Fiktion des Wohnortes von Estelle, der
französischen Jazzsängerin. VON KINDESBEINEN AN
Ich kenne Baden-Baden, seit ich
zurückdenken kann - denn ich bin ganz in der Nähe im Badischen geboren und aufgewachsen.
Zunächst war die Stadt Ausgangspunkt für Schulausflüge in den Schwarzwald
und ließ mit dem Frühjahrsrennen in Iffezheim unsere Mädchenherzen
höher schlagen. Damals interessierten wir uns noch mehr für Pferde als für Hüte.
Später wurde der Ortsname zum Inbegriff eines seltsamen Verschiebebahnhofs für unsere
gescheiterten Klassenkameraden. Wer damals zu oft sitzenblieb, wer in die Drogenszene
abrutschte und obendrein reiche Eltern hatte, machte sein verpatztes Abitur auf einem
Baden-Badener Internat nach. Irgendwann wurde das dann selbst den
Baden-Badenern zuviel und sie schickten die Reisenden zurück.
Den Nimbus des
Exotischen festigte die Stadt in meiner Teenagerzeit. An unserer Schule war es
"in" im freiwilligem Nachmittagskurs Russisch zu lernen. Und manchmal hörten
wir diese kehlig-rhythmische Sprache nicht nur im Sprachlabor. Wir pilgerten an solchen
Tagen in die Innenstadt und sahen sie einkaufen. Sie kamen mit fremden, schwarzen
Limousinen. Sie sahen unnahbar aus, sprachen niemanden an, schienen ihre Wege regelrecht
auswendig gelernt zu haben. Sie kamen nie allein. Sie waren immer bewacht. Russen
- und für uns so exotisch und fremd, als hätten sich Eskimos oder Buschmänner in unsere
Straßen verirrt. Die Mädchen schwärmten im Tagtraum von Wanjas und Aljoschas und die
Jungen erzählten uns, wir müssten nur genau genug bei James Bond
aufpassen, das sei alles das Gleiche. Wie recht sie hatten, erfuhr ich Jahre später. Die
Baden-Badener Russen, die ab und zu Ausgang bekamen, waren Angehörige der einzigen
Botschaft im Westen... in der Tat schwer bewacht und vom KGB
kontrolliert. Damit keiner der Wanjas und Aljoschas auf die Idee käme, in unserer Stadt
"in den Westen" zu flüchten.
ZWISCHEN
HIGH SOCIETY UND HINTERHOF
Nach der Schule wurden wir
mobiler. Die Eltern verboten uns strikt den Alten Bahnhof, der damals
eine Kneipe und der berüchtigste Drogenumschlagplatz der Region war.
Natürlich hörten wir nicht drauf und fanden es schick, uns an solch einem verruchten Ort
zu zeigen. Einer meiner Klassenkameraden kam jahrelang nicht mehr von einem LSD-Trip
herunter, den man ihm heimlich verabreicht hatte. Zeit für uns, die mondäneren Teile
Baden-Badens kennenzulernen. Ich muss heute noch schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, wie
wir kleinkarierten Kleinstädter "die Welt" kennenlernten. Schwulenclubs,
chinesische Restaurants und Diskotheken mit künstlichen
Palmen bedeuteten für uns doch tatsächlich einmal die große weite Welt... Und bei den
alten Damen im Café König konnte man noch ein bißchen von der
Grandezza ahnen, die Baden-Baden einst zum Traumziel zwischen Kalifornien und
Sankt Petersburg gemacht hatte.
Apropos Grandezza...
wer einmal Promis, Leute aus Hoch- und Geldadel ganz anders kennenlernen will, der suche
sich einen Saisonjob in der Gastronomie. Glamour von hinten - den erlebte
ich beim Schrubben von Toiletten und Bidets, beim Bettenmachen und Teppichsaugen als
Zimmermädchen in Brenner's Park-Hotel. Während ich selbst in einem
Personalzimmer mit drei Engländerinnen Platz für meinen Koffer und eine Matratze hatte,
staunte ich über die zimmergroßen Marmorbäder, die innerhalb von 15 Minuten picobello
sauber sein mussten. Die Hausdame prüfte die Schwachstellen unter der Kloschüssel, in
den Ecken und an der Wand unterm Waschbecken. Eine Methode, die ich mir als Hotelgast
bewahrt habe - und die mir ob des Ergebnisses schon so manchen Hotelaufenthalt verleidet
hat.
Ich erinnere mich, wie wir drei
Tage zu mehreren nichts anderes zu tun hatten, als für Prinzessin Anne,
die die gesamte Nebenvilla gebucht hatte, sämtliche Messinghandläufe der Treppen zu
polieren. Auch wenn ihre Hoheit wahrscheinlich nie hinschaute - kein Fingerabdruck durfte
zu sehen sein. Eine Gruppe arabischer Ölscheichs hauste in der gleichen
Villa wie die Vandalen. Als sie bemerkten, dass meine platinblonde Kollegin nicht im Preis
inbegriffen war, verstopften sie vor Wut die Toiletten mit Kleiderbügeln.
Aber der Gast ist König, ein
ewiges Lächeln und Rundumservice sind ihm gewiss. Auch wenn der ältliche und etwas
senile Millionär aus den USA sein Häufchen ins Bidet setzt. Oder wenn
der Senator aus Australien die Zimmermädchen schikaniert, weil man ihm
seine zehn Badehandtücher nicht gegeben hat. Ob der Mann wusste, was ein Abfluss ist,
haben wir nie erfahren. Er brauchte die Handtücher, um sein Badewasser aufzutunken. Es
gab eine Dame, die in der perlenbesetzten Robe von zwei Bodyguards wie eine Puppe zur
Vernissage geschleppt wurde, den Blick längst in anderen Welten. Kein Wunder, Valium
in der Konzentration, in der es auf ihrem Nachttisch in der Großpackung stand, gab es nur
in den USA. Überhaupt stellten wir beim Badputzen seltsame Parallelen fest: Proportional
mit der Größe des Schminkkoffers stieg die Dosierung und Vielfalt an Tranquilizern und
anderen feinen Drogen.
Diese Zeit möchte ich nicht
missen. Ich habe gelernt fürs Leben und die Fassaden der sogenannten High-Society
durchschaut. Wer einen Menschen kennenlernen will, der putze einmal sein Bad.
Und in der Freizeit lernte ich
das Baden-Baden "von unten" kennen, gemeinsam mit italienischen, englischen und
deutschen Saisonkräften verwandelten wir unsere rare Freizeit in pure Lebensfreude.
"Verkleidet" leisteten wir uns ab und zu die Plätze, die von unseren Gästen
frequentiert wurden - der Hoteldrill hatte uns gelehrt, wie man auftritt,
sich benimmt und Klasse zeigt. Unvergessen aber waren die Abende und Nächte in Trattorias
in kleinen Nebenstraßen, wo wir fast zur Familie gehörten und spürten, dass es da
draußen noch ein ganz bürgerliches Baden-Baden geben musste - eine Stadt der arbeitenden
Bevölkerung.
Diese Stadt lernte ich später
durch Freunde kennen. Freunde, für die Kurhaus, Luxushotels
und Casino nicht mehr waren als Inventar, das irgendwo in der Gegend
herumstand, das sich aber ein "Ureinwohner" nur selten leisten konnte. Ich
fühlte mich wohl in den lichten Hinterhöfen, den abgelegenen Stadthäusern
mit Außentreppen, weil ich ein Stückchen urbadische Gemütlichkeit
wiederfand, wie sie trotz der Hochglanzwerbung noch erhalten war. Und ich fühlte mich
auch wohl in den Neubauten, den Wohnblocks, wo sich die Sprachen mischten - und wo die
Menschen lebten, die sich Baden-Baden eigentlich längst nicht mehr leisten konnten. Hier
erklangen badische, türkische, russische, polnische Töne, und meist
hielten die Leute über Grenzen hinweg Kontakt auf ihren Inseln im unermesslichen Reichtum
der Besucher.
SÜCHTIG
NACH EXTREMEN?
Einmal im Monat treffe ich mich
noch mit einer Gruppe Bekannter in der Stadt. Einen Abend lassen wir uns in einem der
unzähligen Restaurants verwöhnen und haben noch keins zweimal besuchen
müssen. Es macht mir Spaß, die Extreme auf mich wirken zu lassen.
Baden-Baden ist nicht normal. Kann es nie werden. Baden-Baden ist eine fragmentierte
Stadt, ein Kunstprodukt für Fremdenverkehrsprospekte und eine unbekannte
Hinterhofansammlung, ein Renommierprojekt und eine Stadt mit leerem Stadtsäckel, ein
Spekulierobjekt der Russenmafia und doch auch Kulturstadt russischer Künstler...
Das Baden-Baden gibt es
nicht. Ich kann in Jeans in einer typisch altbadischen Kneipe preiswert
und deftig essen. Ich kann aber auch in Stöckelschuhen und Seide, mit Hut und Klunker am Casino
vorbei unter die altgriechischen Säulen des Kurhauses treten und mir
besser nicht ausrechnen, wie viele Bücher ich für einen Kaffee dort verkaufen muss... Es
macht Spaß, in den Tiefgaragen mein kleines Auto - ungeputzt und mit
Hundedecken versehen wie meistens - zwischen Jaguars und Riesenlimousinen
zu parken. Ich warte dann immer auf den Moment der Verblüffung, den die angeekelten
Gesichter bekommen, wenn sich jemand in Robe aus solch einem Auto zwängt.
Nein, in Baden-Baden ist einfach
nichts ganz normal... Wer den Kick sucht zwischen Maskerade und Herzlichkeit, Demenz und
New Pop Festival, Angeberei und Menschlichkeit, Mafia und Kultur, Steuerschulden und
Geldadel, der findet diese Paarungen nirgendwo sonst auf der Welt!
ESTELLES
BADEN-BADEN
Sehr vieles im Roman ist für
Baden-Badener natürlich wiederzuerkennen. Das Viertel in der Nähe der russisch-orthodoxen
Kirche, in dem Estelle wohnt, gibt es wirklich, wenn auch der wunderbare Laden
des alten Dimitri leider nur in meiner Fantasie steht. Straßenverhältnisse und
Verkehrsführung sind auch in Wirklichkeit für Auswärtige manchmal Verzweiflung erregend
(man orientiert sich nicht an Worten, sondern bunten Tortenstückchen!). Die Straße, in
der die Preise von einem Ende zum anderen steigen, heißt Lichtentaler Allee.
Ja, auch in die Kommunalpolitik in Sachen Straßen hat sich der Lavendelblues
bereits eingeschmuggelt...
Ab und zu gibt es auch
Baden-Baden in meinen feuilles et ton
Und was sonst noch echt oder wie
alles im Roman erfunden ist - entscheiden Sie selbst: |