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SEHEN - HÖREN - RIECHEN - SCHMECKEN - FÜHLEN


copyright by Petra van Cronenburg Nutzen wir alle unsere Sinne?

Bevor ich mein Elsass-Buch in der Reihe "Oasen für die Sinne" schrieb, habe ich meine Lieblingswiese im Nordelsass mit allen Sinnen bereist. Mehrere Tage lang, immer wieder die gleiche Wiese. Aber an jedem Tag habe ich mir versucht vorzustellen, dass ich nur einen Sinn besäße - und den ganz gewaltig.

Den ersten Tag habe ich nur geschaut und auf nichts sonst geachtet. Intensives Sehen ist etwas ganz anderes, als wenn wir in einer Fußgängerzone nachlässig umherblicken, passiv Bilderfluten aufnehmen. Da sind unendlich viele Schattierungen von Grün. Und ein grüner Grashalm wird sein Aussehen magisch verändern, wenn ich ihn durchscheinend im Gegenlicht wahrnehme - oder vergoldet in der Abendsonne. Wie wenig wir doch wirklich genau hinschauen!

Probieren Sie diese Art des Reisens doch einmal selbst. Nehmen Sie sich ein Ziel vor, das sie scheinbar gut kennen. Gehen Sie, sehen sie nur. Einen anderen Tag werden Sie die Augen schließen und nur hören. Sie sind blind, aber sie hören mehr als sonst. Riechen Sie, schmecken Sie, fühlen Sie einen Ort!

Bei dieser Art des Reisens ist mir aufgefallen, wie verstopft unsere Sinne doch sind. Natürlich müssen wir bei der Reizüberflutung im Alltag auch "dicht machen", um überleben zu können. Sie werden nach dieser Art des Reisens merken, warum. Solche intensiven Sinneserlebnisse können berauschen und beflügeln!

Mir, die ich mit Sprache arbeite und in meinem Buch Sinneseindrücke zu vermitteln versuche, ist außerdem aufgefallen, dass unsere Sprache für manche Sinne eine Fülle von Wörtern bereit hält, von Vergleichen. Und bei anderen Sinneseindrücken tut man sich schwerer in der Beschreibung. Das Riechen ist so eine Sache. Weil es subjektiv ist und weil die natürlichen Buketts jedes komplexe Parfum übertreffen. Wir haben nicht so viele Sätze wie Duftnoten.

Und mit dem Fühlen ist das auch so eine Sache. Das fällt den meisten schwer. Viele machen es nie. Manchen würde es einfach nicht einfallen. Warum? Weil wir als Kinder erzogen wurden, ja nichts anzufassen? Weil alles, was spannend, interessant und anregend ist in den Museen, nicht berührt werden darf?

Beobachten Sie sich einmal, wenn Sie durch eine Landschaft gehen, wie oft sie etwas bewusst berühren, um seine Struktur, seine Weichheit, Härte oder Konsistenz zu untersuchen! Haben Sie schon einmal Flechten an einem rissigen Baum gestreichelt? Wie fühlt sich ein Burgturm im Schatten an, wie ein Sandsteinfels in der Abendsonne? Streichen Sie durch eine Wiese, klopfen Sie auf einen Munsterkäse, zerreißen Sie genüßlich einen Kugelhopf!

Lassen Sie sich vom Elsass berühren!

Petra van Cronenburg: Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt. Sanssouci im Carl Hanser Verlag.

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