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Nutzen wir alle unsere Sinne? Bevor ich mein
Elsass-Buch in der Reihe "Oasen für die Sinne" schrieb, habe ich meine
Lieblingswiese im Nordelsass mit allen Sinnen bereist. Mehrere Tage lang, immer wieder die
gleiche Wiese. Aber an jedem Tag habe ich mir versucht vorzustellen, dass ich nur einen
Sinn besäße - und den ganz gewaltig.
Den ersten Tag habe ich nur geschaut und auf nichts sonst geachtet. Intensives Sehen
ist etwas ganz anderes, als wenn wir in einer Fußgängerzone nachlässig umherblicken,
passiv Bilderfluten aufnehmen. Da sind unendlich viele Schattierungen von Grün. Und ein
grüner Grashalm wird sein Aussehen magisch verändern, wenn ich ihn durchscheinend im
Gegenlicht wahrnehme - oder vergoldet in der Abendsonne. Wie wenig wir doch wirklich genau
hinschauen!
Probieren Sie diese Art des Reisens doch einmal selbst. Nehmen Sie sich ein Ziel vor,
das sie scheinbar gut kennen. Gehen Sie, sehen sie nur. Einen anderen Tag werden Sie die
Augen schließen und nur hören. Sie sind blind, aber sie hören mehr als sonst. Riechen
Sie, schmecken Sie, fühlen Sie einen Ort! |
| Bei dieser Art des Reisens ist mir aufgefallen, wie verstopft unsere Sinne
doch sind. Natürlich müssen wir bei der Reizüberflutung im Alltag auch "dicht
machen", um überleben zu können. Sie werden nach dieser Art des Reisens merken,
warum. Solche intensiven Sinneserlebnisse können berauschen und beflügeln! Mir, die
ich mit Sprache arbeite und in meinem Buch Sinneseindrücke zu vermitteln versuche, ist
außerdem aufgefallen, dass unsere Sprache für manche Sinne eine Fülle von Wörtern
bereit hält, von Vergleichen. Und bei anderen Sinneseindrücken tut man sich schwerer in
der Beschreibung. Das Riechen ist so eine Sache. Weil es subjektiv ist und weil die
natürlichen Buketts jedes komplexe Parfum übertreffen. Wir haben nicht so viele Sätze
wie Duftnoten.
Und mit dem Fühlen ist das auch so eine Sache. Das fällt den meisten schwer. Viele
machen es nie. Manchen würde es einfach nicht einfallen. Warum? Weil wir als Kinder
erzogen wurden, ja nichts anzufassen? Weil alles, was spannend, interessant und anregend
ist in den Museen, nicht berührt werden darf?
Beobachten Sie sich einmal, wenn Sie durch eine Landschaft gehen, wie oft sie etwas
bewusst berühren, um seine Struktur, seine Weichheit, Härte oder Konsistenz zu
untersuchen! Haben Sie schon einmal Flechten an einem rissigen Baum gestreichelt? Wie
fühlt sich ein Burgturm im Schatten an, wie ein Sandsteinfels in der Abendsonne?
Streichen Sie durch eine Wiese, klopfen Sie auf einen Munsterkäse, zerreißen Sie
genüßlich einen Kugelhopf!
Lassen Sie sich vom Elsass berühren!
Petra van Cronenburg:
Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt. Sanssouci im Carl Hanser Verlag. |
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